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Georg Kronawitter - der Oberbürgermeister

Amtszeit 1. Juli 1972 bis 30. April 1978
sowie 1. Mai 1984 bis 30. Juni 1993

 

 

 

 

Die Sensation


Das gibt es bis heute nur einmal in der Nachkriegsgeschichte Bayerns. Schorsch Kronawitter wurde als Münchner Oberbürgermeister auch der Nachfolger seines Nachfolgers. Am Ende seiner ersten Amtszeit 1978 – er war schon überaus populär – lehnte es die ideologisch nach links ausgerichtete SPD-Delegiertenmehrheit ab, ihn nochmals als OB-Kandidaten zu nominieren. Das Ergebnis war voraussehbar: Erich Kiesl, Staatssekretär der CSU, siegte im ersten Wahlgang, die CSU erreichte die absolute Mehrheit der Stimmen, und die SPD verlor über 15 Prozentpunkte und kam nur noch auf 37 Prozent. Kronawitter mühte sich dann fünf Jahre lang an der „Basis“, die Münchner SPD wieder mehrheitsfähig zu machen. Er erkämpfte sich die Wiederaufstellung als SPD-OB-Kandidat für 1984, schlug Erich Kiesl in der Stichwahl mit 58 Prozent und holte für die SPD als Einzelkämpfer den Oberbürgermeisterposten zurück. Die Sensation war perfekt. Nie zuvor wurde in einer großen bayerischen Stadt der amtierende Oberbürgermeister aus dem Sattel gehoben; niemals zuvor wurde ein Oberbürgermeister Nachfolger seines Nachfolgers.

Der Spätberufene


Schorsch Kronawitter wurde 1928 als Sohn eines Landwirts geboren und sollte mit zehn Jahren Missionar werden. Der Vater erlaubte dies nicht: „Der Bub weiß doch nicht, ob er nicht einmal heiraten und Familie haben möchte.“ Mit elf Jahren sollte der begabte Bub in die so genannte „Adolf Hitler Schule“. Die Eltern, Nazigegner, lehnten das Angebot ab. So arbeitete er weiter auf dem elterlichen Hof bis er durch reinen Zufall im April 1944 mit zweijähriger Verspätung – bereits 16-jährig – in eine Lehrerbildungsanstalt kam. Schon nach einem halben Jahr stand das Wehrertüchtigungslager, dann der Reichsarbeitsdienst an. 1946, nach einem Jahr als Bäckerlehrling bei seinem Onkel in München, konnte er die Lehrerausbildung fortsetzen und bereits 1951 die Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ablegen. 1952 holte er als Externer das Abitur nach, studierte Wirtschaftswissenschaften, Pädagogik und später noch Soziologie. In die SPD trat er erst mit 34 Jahren – im Januar 1962 - ein. Waldemar von Knoeringen, der damalige Landesvorsitzende der SPD, holte den jungen Studienrat zur Schaffung eines agrarpolitischen Referats. 1966 zog er in den Landtag ein, wurde schnell wegen seines Fachwissens über alle Fraktionen hinweg anerkannter Agrarexperte. Schon damals vertrat er einen Kleinbauern gegen den Milliardär August von Finck und machte sich landesweit einen Namen als Kämpfer für mehr Gerechtigkeit. 1970 wurde er zum Vorsitzenden des SPD-Bezirks Südbayern gewählt. Sein politischer Traum war damals, der erste bayerische Landwirtschaftsminister der SPD zu werden.

Die große Überraschung


Aber bereits ein Jahr später, am 1. April 1971, kam Hans-Jochen Vogel zu ihm. Er schlug ihn als seinen Nachfolger zum Münchner Oberbürgermeister vor. Kronawitter bat um kurze Bedenkzeit, er wusste, dass mit dieser Herausforderung auch eine Herkulesarbeit auf ihn zukam, denn die Münchner SPD befand sich mitten im großen ideologischen Richtungsstreit der siebziger Jahre. Kronawitter musste sich in seiner Partei gegen linke Konkurrenten durchsetzen, dann bei heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen die Kommunalwahl gewinnen und sich schließlich als Oberbürgermeister bewähren. Er nahm die Herausforderung unter der Bedingung an, Informationsbesuche in 10 europäischen Großstädten zu machen. Die Wahl gegen den renommierten CSU-Herausforderer Dr. Winfried Zehetmeier gewann er mit 56 % im ersten Wahlgang. Die Münchner SPD erreichte mit ihm als Spitzenkandidat 1972 mit 52,5 % noch einmal die absolute Mehrheit, was ihr seither nicht mehr gelang. Diesen großen, von kaum jemanden erwarteten Erfolg, führte Kronawitter darauf zurück, "dass ich mich im Wahlkampf von der zerstrittenen Münchner SPD weitgehend abschottete und unermüdlich vor Fabriktoren, U-Bahneingängen, in der Fußgängerzone das persönliche Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern suchte".

Mit allen Kniffen und Listen


Die SPD-Fraktion war in linke und rechte Sozialdemokraten gespalten, so dass Georg Kronawitter sich in vielen Fällen nicht auf eine eigenständige Mehrheit verlassen konnte. „Mit allen Kniffen und Listen“ musste er für die Durchsetzung seiner Ziele im Stadtrat kämpfen. Dies gelang, wie die Liste der Erfolge beweist, in erstaunlich hohem Maße.

Ein Neuanfang nach der Olympiade 1972


Die befürchtete nacholympische Flaute blieb aus, denn nach dem Zuschlag für die Spiele 1965 mussten vorrangig jene Maßnahmen getroffen werden, die direkt im Kontext zur Olympiade standen, während andere in den Wartestand rückten. So gesehen brachte die nacholympische Zeit, so Georg Kronawitter rückblickend, „sogar einen gewissen Neuanfang“. Nach der Zuwanderungs- und Aufbauphase sollte jetzt eine Ausbau- und Konsolidierungsphase kommen. „Mehr Lebensqualität für alle schaffen“ wurde zu seinem Leitspruch.

Projekte der ersten Amtszeit


Als herausragendes Projekt wurde das große Kulturzentrum am Gasteig mit Konzertsaal, Stadtbücherei, Volkshochschule und Konservatorium beschlossen und auf den Weg gebracht. Sie SPD wollte nur die Bücherei und die Volkshochschule, die CSU wollte nur den Konzertsaal und das Konservatorium. OB Kronawitter schaffte es aber schließlich doch, alle vier Einrichtungen zu bündeln und die Zustimmung von allen Stadträten zu erhalten. Heute zählt diese lebendige Kulturinstitution die zweitmeisten Besucher aller vergleichbaren Einrichtungen in der Bundesrepublik und ist von München nicht mehr wegzudenken.

Kronawitters entschiedenes Eintreten für „mehr Grün in die Stadt“ (zentraler Wahlslogan von 1972) gipfelte in der Durchsetzung des 70 Hektar großen Westparks inmitten eines alten Stadtviertels. Das gesamte Gelände war schon für Gewerbe und Wohnungsbau verplant. Das Baurecht wurde abgelöst. Dieser neue Park war auch die Voraussetzung dafür, dass Kronawitter 1977 die „Internationale Gartenbauausstellung IGA 83“ nach München holen konnte, mit 29 zu 1 Stimme gegen Hamburg.

Der U-Bahnbau wurde mit jährlich 200 bis 300 Millionen DM Investitionen zügig weitergeführt. Durch geschickte Vorausplanung konnten zusätzlich Bundesmittel nach München geholt werden, die anderen Städten zustanden, aber wegen zurückhängender Planung nicht abgerufen werden konnten.

Das große Trinkwasserprojekt Oberau/Garmisch mit rund 600 Millionen Gesamtkosten wurde durchgesetzt und sichert auch noch für den Bedarf des 21. Jahrhundert der Stadt frisches Quellwasser.

Fünf neue Schulzentren und die Sanierung der großen alten Schulgebäude halfen den teilweise noch erforderlichen Schichtunterricht abzubauen.

Ein neues, modernes Müllkonzept mit fast 700 Millionen DM Kosten leitete die fortschrittliche Entsorgung ein, ein neu erbautes Kohlekraftwerk mit einem Minimum von schädlichen Emissionen sowie der Ausbau der Fernwärmeversorgung mit der Koppelung von Strom- und Wärmeerzeugung brachten München im Umweltschutz weiter nach vorne. Die Modernisierung des hundert Jahre alten Vieh- und Schlachthofes stand an, der Tierpark Hellabrunn bekam einen neuen Generalausbauplan und erreichte bundesweit eine Spitzenstellung. Vier neue städtische Hallenbäder sowie eine Reihe von neuen Fußgängerbereichen wurden errichtet.

Der hoch attraktive Viktualienmarkt wurde verkehrsberuhigt, bekam ein neues Gesicht und einen allseits beliebten Biergarten. Als Modellvorhaben wurde ein Handwerkerhof erstellt. Kurz, Kronawitters Motto: „Die Menschlichkeit kommt vor der Rendite“ erhielt mit dem Bemühen, die Lebensqualität der Bürger zum zentralen politischen Thema zu erheben, immer wieder Aktualität.


Die Stadt im Gleichgewicht

 

Noch in den sechziger Jahren war es allgemeine Meinung, München könne durchaus bald bis zu einer Zwei-Millionen-Stadt heranwachsen. Doch schon zu Beginn der neuen Amtsperiode 1972 zeichnet sich ab, dass die enorme Zuwanderung nach München – wie vorher schon in anderen Städten – aufhören und eine Abnahme der Bevölkerung einsetzen würde.


Schorsch Kronawitter reagierte schon 1975 auf die neue Entwicklungstendenz mit der Korrektur des 1963 erstellten Stadtentwicklungsplanes. Als Zielsetzung gab er vor: „Eine Stadt im Gleichgewicht“. Diese Idee passte zu seiner Devise von einer behutsamen Stadtentwicklung. Die Stadt München sollte nicht einem Superlativ nachlaufen oder gar eine Weltmetropole wie London oder Paris werden wollen. Seine Generalvorgabe für die Bebauung größerer freier Flächen lautete: 1/3 für Grün- und Erholungsflächen, 1/3 für den Wohnungsbau und 1/3 für Büroarbeitsplätze und Gewerbe.

Sparen und Rationalisierung als Daueraufgabe


Als im Rahmen der Rezession von 1974/75 rund 150 Millionen DM weniger an Gewerbesteuer zu erwarten waren, richteten Oberbürgermeister und sein Kämmerer in Wochenfrist den Haushalt rigoros auf die neue Situation aus. Kronawitter erklärte Rationalisierung und Sparen zur Daueraufgabe. Dienststellen wurden straffer geführt. Verbesserungsvorschläge durch die Mitarbeiter systematisch gefördert, 600 Stellen eingespart. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen konnten präzise belegt werden. 1972 wurden – laut Statistik – 37,2 % des städtischen Haushalts für das städtische Personal ausgegeben, Ende 1977 waren es nur noch 35,0 %.

Niedrigste Schuldendienstquote


Am Ende der Amtszeit von Georg Kronawitter am 30. Juni 1993 zeigte sich das Ergebnis des konsequenten Sparens besonders eindrucksvoll. Die Stadt München hatte zu diesem Stichtag mit lediglich 11 % die mit Abstand niedrigste Schuldendienstquote der 10 größten deutschen Städte (Köln und Dortmund je 22 %, Frankfurt und Düsseldorf jeweils über
30 %). Rund 330 Millionen DM pro Jahr weniger an Investitionen hätten bei einer Schuldendienstquote wie die der Stadt Köln in München ausgegeben werden können. Rund 600 Millionen weniger bei einer Schuldendienstquote, wie sie z. B. Frankfurt hatte. Die stets sehr hohe jährliche Investitionsquote führt Kronawitter auf seine konsequenten Bemühungen zu sparen zurück.

Zwei SPD-Abtrünnige machen Probleme


Als Kronawitter 1984 Erich Kiesl aus dem Sattel hob, nahm ihn seine Partei wieder auf wie einen verlorenen Sohn. Probleme gab es mit dem Ausscheiden von zwei SPD-Stadtratsmitgliedern (der so genannten Sofa-Fraktion) im Jahre 1987. Sie ermöglichten dem CSU-Oppositions-führer Walter Zöller zusammen mit der FDP eine Ein-Stimmen-Mehrheit gegen den Oberbürgermeister und die SPD. Aber der Chef dieser „Verunstaltungsmehrheit“, wie Kronawitter sie nannte, konnte aufgrund der starken Position des vom Volk gewählten Oberbürgermeisters in der bayerischen Kommunalverfassung nur wenig ausrichten. Erschwerend war es für den Oberbürgermeister freilich schon, dass er als Chef der Verwaltung, als Vorsitzender des Stadtrates und als Repräsentant der Stadt auch noch Oppositionsführer wurde. Er stimmte schon mal mit der SPD zusammen gegen den von ihm selbst und seiner Verwaltung vorgelegten Haushaltsentwurf, weil ihn der Chef der „Verunstaltungsmehrheit“, Walter Zöller, abgeändert hatte.

Bündnis mit den Grünen


Als Kronawitter 1990 mit 61,6 % bei 10 OB-Kandidaten als glänzender Sieger hervorging, musste sein Opponent als CSU-Fraktionsvorsitzender abtreten. Die CSU erwartete wieder ein Bündnis mit der SPD. Aber zur Überraschung von Freund und Gegner schlug Kronawitter der SPD ein Dreier-Bündnis vor, und zwar mit ihm als Oberbürgermeister, der SPD-Fraktion und den Grünen. Dieses Bündnis besteht bis zum heutigen Tag.

Wohnungspolitik


In den Jahren von 1984 bis 1993 wurden über 60.000 neue Wohnungen gebaut. Damit übertraf Kronawitter sogar die einstimmig beschlossene Vorgabe des Stadtrats, die jährlich 5.000 neue Wohnungen verlangte, erheblich. Zu der damaligen Zeit waren unter den neu erbauten Wohnungen durchschnittlich noch etwa 2.000 Sozialwohnungen pro Jahr, die für die gering verdienenden Bevölkerungsschichten besonders wichtig waren. Damals gab es keine Stadt in der Bundesrepublik, in der mehr Wohnungen gebaut wurden als in München.

Kulturpolitik

 

Gasteig

Foto: Michael Lucan, München


Auf dem kulturellen Sektor konnten eine ganze Reihe von neuen Einrichtungen geschaffen werden.

Das Gasteigprojekt hatte Kronawitters schon in seiner ersten Amtszeit durchgesetzt. Die München-Biennale mit internationalem Ansehen wurde eingeführt und erhielt die besondere Unterstützung des Oberbürgermeisters. Die Muffathalle, früher von den Stadtwerken benutzt, wurde auf Wunsch des Komponisten Hans-Werner Henze zu einem Theaterraum für 400 bis 600 Zuschauer ausgebaut. Herausragend war auch der Gewinn des Literaturhauses in harter Konkurrenz zu Leipzig. Der Ruf Münchens als Stadt des Buches und der Verlage wurde damit gefestigt. Die städtische Galerie Lenbachhaus bekam einen zusätzlichen attraktiven Ausstellungsraum: Der in offener Bauweise ausgehobene U-Bahn-schacht erhielt über der Linienführung einen eigenen Bereich, der heute eine wertvolle Ergänzung zu den Ausstellungsräumen der Galerie darstellt.
Die Nutzung der grünen Praterinsel für kulturelle Zwecke konnte Kronawitter durchsetzen. Schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt 1972 hat er die zauberhafte Seidelvilla, die einem fünfgeschossigen Neubau weichen sollte, vor der Zerstörung bewahrt. Sie ist seit dieser Zeit unangetastet als kulturelle Einrichtung für mannigfache Bürgerinteressen in Schwabing und darüber hinaus.

Mit den führenden Köpfen der Münchner Kultur, wie Sergiu Celibidache, Dieter Dorn, Hans-Werner Henze und Lothar-Günther Buchheim hatte Kronawitter stets ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis.

Mehr Grün statt Beton


Auch 1984 ging Kronawitter mit einem Grünenthema in den Wahlkampf. Mehr Grün statt Beton. Die herausragende Leistung war die Schaffung der 2.000 ha großen zusammenhängenden Grün- und Freifläche im Münchner Norden.

In der zweijährigen Periode als Vorsitzender des regionalen Planungsverbandes (München und 7 umliegende Landkreise) setzte er sich für die Freigabe der 900 ha großen militärischen Vorbehaltsfläche im Norden Münchens ein. Dieses große Gelände wurde freigehalten für die Ablösung der so genannten Panzerwiese auf Stadtgebiet. Der Münchner Oberbürgermeister unterstützte die Freigabe dieses Geländes und schien damit gegen elementare Interessen der eigenen Stadt zu verstoßen, denn die Panzerwiese sollte dann aufgegeben werden, wenn das Militär außerhalb des Burgfriedes ein neues Übungsgelände ausgebaut hat. Aber Kronawitters Kalkulation ging auf. Er sah voraus, dass die für das Militär bereitgestellten Flächen nicht mehr lange gehalten werden konnten. Ein paar Jahre später war es tatsächlich so weit. Die Bundeswehr gab in München nicht nur die Panzerwiese frei, sondern auch große Kasernenflächen. Allerdings war Kronawitters Bedingung für die Unterstützung der Nordgemeinden, dass nach der Ablösung die 900 ha große militärische Vorbehaltsfläche keiner Bebauung zugeführt werden dürfe, sondern nach und nach zu einer riesigen Erholungsfläche ausgebaut werden müsse. Dies geschieht, wenn auch nur mit bescheidenen Fortschritten.

Die 560 ha große Fläche des abgesiedelten Flughafens München-Riem konnte noch in Kronawitters Amtszeit großräumig geplant werden. Kronawitter sah auch hier 1/3 Grün vor. In der AZ-Beilage „Messestadt Riem“ vom 27.12.2000 lobte der Grünplaner Eckhardt Halupka diese riesige Grünfläche ganz besonders und verglich sie mit dem Englischen Garten, dem Nymphenburger Schlosspark und dem Olympiapark: „Der Luxus in Riem sind die großen grünen Flächen, die dort ausgewiesen sind.“

Für den Marienhof hinter dem Rathaus, einem Filetgrundstück im Herzen der Stadt, lagen schon kommerzielle Verwertungsabsichten vor. Kronawitter wollte nur eine kommunikative Nutzung dieses zentralen freien Raumes für die Münchner Bürgerinnen und Bürger zulassen, er wehrte jede kommerzielle Bebauung ab, versah den Platz mit Bäumen und Grün, als eine entsprechende Planung aus finanziellen Gründen nicht mehr durchgesetzt werden konnte.

Der Oberföhringer Krankenhauspark mit 5,6 ha Größe und 800 großen Bäumen war von Erich Kiesl für private Eigentumswohnungen vorgesehen. Kronawitter verhinderte nach seinem Amtsantritt 1984 diese schon beschlossene Verwertung. Bis heute ist der Grünbereich unangetastet. Auch die beschlossene Bebauung des Beerparks, einer Perle in Berg am Laim, mit neunstöckigen Wohnhäusern ließ Kronawitter rückgängig machen und löste das Baurecht ab. Jahrelang wurde diese Maßnahme kritisiert, aber auch sie wird in Zukunft Grünfläche bleiben. Das gleiche gilt für Teile der Isarauen im südlichen Teil der Stadt, die sein Vorgänger ebenfalls schon zur Bebauung ausgewiesen hatte. Der wunderschöne Augustiner-Biergarten sollte mit 66.000 qm Baulandfläche ausgestattet werden. Kronawitter reduzierte das Bauland auf 27.500 qm und sicherte so die traditionelle Biergarten-Situation.

Besonders hart umkämpft waren die ebenfalls schon beschlossenen Flügel für die Staatskanzlei, die in den Hofgarten hineinreichten und den einmaligen historischen Gartencharakter zerstört hätten. Kronawitter focht mit dem damaligen Ministerpräsidenten diesen „Strauß“ aus. Strauß’ Nachfolger Max Streibl verzichtete.

Gegen unkontrollierte Zuwanderung


Mit der SPD hatte Kronawitter nach 1990 noch einen gravierenden Dissens in der Asylfrage. Der Oberbürgermeister wehrte sich öffentlichkeitswirksam gegen den unkontrollierten Zustrom von Asylbewerbern: „Wir brauchen ein Zuwanderungsbegrenzungsgesetz, das die Zuwanderung abstimmt auf die Bedingungen unseres Arbeits- und Wohnungsmarktes“ (Spiegel Nr. 15, 1993). Die Münchner SPD, die zum Teil in der Asylfrage eine gegensätzliche Meinung hatte, duldete Kronawitters Einstellung und ließ es nicht mehr zum innerparteilichen Konflikt kommen. Erst mit Innenminister Schily wurde Kronawitters Position, sogar verschärft, von der Bundes-SPD aufgegriffen.

Der Dampfkessel München


Besonderer Mut gehörte wohl dazu, als Kronawitter die Ende der achtziger Jahre enorm boomende Stadt München mit ständig steigendem Verkehr als „Dampfkessel München“ bezeichnete. Er wollte die notwendige, ständig steigende Zahl von Arbeitsplätzen nicht allein in der Stadt München konzentriert wissen. Seine Aussage: „Die Arbeit soll zu den Menschen gebracht werden, und nicht die Menschen des Umlandes in die qualvolle Enge der Stadt“ (Mit aller Leidenschaft, S. 36). Besser sei es, wenn der Freistaat der Stadt zur Lösung der überregionalen Aufgaben einen entsprechenden Finanzausgleich gewähre und mithelfe, dass im Umland mehr Arbeitsplätze geschaffen würden. Nach Kronawitters Meinung wäre dies auch eine sinnvolle Entzerrung des rapide zunehmenden Verkehrs gewesen. Aber die politischen Gegner, auch Bauträger und Vertreter der Wirtschaft, beschimpften ihn als wirtschaftsfeindlich. Dabei weist die Statistik nach: „Allein in den letzten neun Jahren der fünfzehnjährigen Amtszeit Kronawitters wurden auf Stadtgebiet die Zahl der Arbeitsplätze um 52.000 (!) erhöht. In keiner anderen Stadt konnten in dieser Zeit auch nur annähernd ähnliche Arbeitsplatzzuwächse erreicht werden. Auch im Handwerk erreichte die Zahl der Beschäftigten 1992 ihren absoluten Höhepunkt. Ende 1991 hatte der Arbeitsamtsbezirk München mit nur 3,4 % die niedrigste Arbeitslosenzahl der Nachkriegszeit: Die amtliche Statistik weist darüber hinaus aus, dass allein in den sieben Jahren von 1987 – 1993 in München rund 28.000 mehr an Gewerbean- als an Gewerbeabmeldungen zu verzeichnen waren. Zu Kronawitters Zeit war München auch „deutscher Meister“ im Wohnungsbau.

Kronawitter hatte immer wieder Auseinandersetzungen mit einzelnen Bauträgern und Wirtschaftsvertretern. Seine Devise: „Die Stadtentwicklung muss von Stadtrat und Oberbürgermeister, also politisch, bestimmt werden und nicht von den Profitinteressen der Wirtschaft“, wie er es provozierend formulierte. Stadtrat und Oberbürgermeister müssten die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft vorgeben. Der Primat der Politik müsse gesichert bleiben.

Pole-Position für den Nachfolger

 

Georg Kronawitter 1990 mit dem frischgewählten 2. Bürgermeister Christian Ude und Sabine Czampai, der 3. Bürgergermeisterin von den Grünen


1990 trat Kronawitter nochmals zur Wahl des Oberbürgermeisters an. Sein Wunschnachfolger Christian Ude war Rechtsanwalt, aber er hatte kein öffentliches Mandat. Ohne ein gewichtiges Mandat hätte er gegen den populären CSU-Politiker Dr. Gauweiler kaum gewinnen können. Kronawitter setzte nach seiner Wahl 1990 Christian Ude sofort als Bürgermeister durch. Er schuf für seinen Nachfolger beste Bedingungen: Drei Jahre war Ude an seiner Seite Bürgermeister. Ein paar Tage vor Kronawitters Abgang wurden die alten CSU-Referenten durch SPD-Fachleute ersetzt. Der Schuldendienst der Stadt war mit 11 Prozent der mit Abstand niedrigste der zehn größten deutschen Städte, im Wohnungsbau war München Spitzenreiter. Ude gewann die Wahl gegen Dr. Gauweiler im ersten Wahlgang mit 50,8 Prozent der Stimmen.

Kronawitters politische Leistung


In den zwei Kommunalwahlen von 1984 und 1990 mit Georg Kronawitter als OB-Kandidat und als Nummer Eins auf der SPD-Stadtratsliste erlebte die SPD eine Renaissance. 1984 erhielt Kronawitter 58 Prozent der Stimmen, 1990 gegen den bekannten CSU-Spitzenkandidaten Bundesminister Jonny Klein sogar 61,6 Prozent, während sein Gegner zusammen nur 26 Prozent erreichen konnte. Die CSU erlebte als Partei in München ihr Waterloo. In den zwei „Kronawitter-Wahlen“ 1984 und 1990 wurde sie von über 50 Prozent auf 30,1 Prozent dezimiert. Auch das war bundesweit einmalig. Die Münchner SPD konnte von 37 auf 42 Prozent zulegen, obwohl die Grünen mit 10 Prozent und die Republikaner mit 8 Prozent zusätzlich in den Stadtrat einziehen konnten. Kronawitter erwies sich – allen damaligen Widrigkeiten zum Trotz – als großes Zugpferd.

Stimmenmagnet bei der Landtagswahl 1994

 

Immer ein Politiker zum Anfassen, der keiner Begegnung aus dem Weg geht


Nach seinem Ausscheiden als Oberbürgermeister kandidierte Kronawitter 1994 noch einmal zum Landtag. In seinem Stimmkreis München-Mitte holte er nicht nur das Direktmandat für die SPD zurück, sondern erreichte mit einem Zuwachs von 10,1 % auch den größten Erfolg aller 102 SPD-Stimmkreiskandidaten. Im Landtag kämpfte er vor allem für mehr Steuergerechtigkeit.

Bei bayernweiten Umfragen nach dem beliebtesten Politiker vor der Landtagswahl 1994 kam Georg Kronawitter auf Platz 1 mit gleicher Bewertung für Renate Schmidt. Mit erheblichem Abstand folgten Ministerpräsident Edmund Stoiber und weitere CSU-Spitzenminister.

Bürgeranwalt der Abendzeitung


Von 1999 bis 2002 gewann ihn die Münchner Abendzeitung als ihren „Bürgeranwalt“. Auf Grund seiner Erfahrung und Verbindungen konnte er zahlreichen besonders bedürftigen Menschen helfen. Als „Bürgeranwalt“ festigte er auch noch nach seiner OB-Zeit bis fast zu seinem 75. Lebensjahr das Etikett „Anwalt der kleinen Leute“.

Zu einem inhaltlichen Konflikt kam es zwischen Kronawitter und OB Ude im Jahr 2005 in der Hochhausfrage. Ohne dass beide an ihrer gegenseitigen Wertschätzung Abstriche machten, konnte die Sache erst im November 2005 durch einen Bürgerentscheid geklärt werden. Die Mehrheit der Abstimmenden war mit Georg Kronawitter am Ende der Meinung, dass die 100 Meter der Frauentürme für die ganze Stadt als Höchstmaß gelten sollten.

 

von Florian Sattler, Leiter des Presseamtes im Rathaus, 1991 – 2001

 


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